Warum Skydiving?
geschrieben von Nina | in der Kategorie "Allgemeines" Mittwoch 16. Jun 2010 um 21:59 UhrWann beginnt für einen Menschen der Traum vom Fliegen? Ich erinnere mich an einige Nächte, in denen ich so intensiv und realistisch vom Fliegen geträumt habe, dass das Gefühl auch nach dem Aufwachen noch präsent war. Hinstellen, abstoßen und losfliegen, so geht es im Traum. Da muntere Menschen aber leider teure Hilfsmittel zum Fliegen brauchen, habe ich diesen Traum immer wieder zurückgedrängt und unerfüllt gelassen.
Noch in meiner Schulzeit hätte ich beinahe einen Segelflugschein gemacht. An der Uni wäre ich erneut beinahe losgeflogen, denn in meinem Jahrgang kamen ein Gleitschirmpilot und ein Skydiver auf 30 Leute. Zu teuer lautete das Argument, das mein Kopf jedes Mal gegen meinen Bauch vorzubringen hatte. (Immerhin durfte ich beim Lufthansa Flight Training mal Boeing und Airbus fliegen. Und den Start der Transall, die mich und meine Kameraden nach Istanbul gebracht hat, habe ich im Cockpit erlebt.)
Seit der Geburt meiner Tochter argumentiert mein Kopf nicht mehr nur mit meinem Geld, sondern gleich mit meinem Leben. Dieser Appell an den Beschützerinstinkt war 2 Jahre lang erfolgreich, bis…
…ich “meinen” Kameramann Lars mit vier seiner Sprungkollegen in einem Fußballstadion habe landen sehen. Seitdem gibt es zum Thema Skydiving nur einen Gedanken: “Ich will auch!”
Moment. Will ich wirklich? Ich habe mich nur ein Mal vom Fünfmeterturm getraut. Aus dem Freefalltower bin ich kalkweiß rausgekommen und das 61 Grad steile Gefälle im Colossos läuft in meiner Erinnerung unter “ein Mal und nie wieder”. Lars hat mich zudem gewarnt, dass Skydiving in den USA als Sucht anerkannt ist. Und dass man in diesem Sport früher oder später mit dem Tod konfrontiert sein wird. Ich weiß auch, dass ich unterschreiben muss, dass es beim Tandemsprung trotz aller Vorsicht zu Knochenbrüchen kommen kann. Will ich wirklich springen???
Nein.
Auf den Absprung an sich bin ich kein bisschen scharf und ich weiß schon jetzt, dass der Blick auf den grünbraunen Flickenteppich rund um den Hungrigen Wolf mit Sicherheit für ein extrem mulmiges Gefühl in der Magengrube sorgen wird. Sofern man diese dann überhaupt noch Magengrube nennen darf und sie nicht zur Fußsohlengrube oder gar zur “Hab-ich-unten-vergessen”-Grube mutiert. Und wie ich in den Flieger kraxeln soll, ohne dabei weniger elegant zu wirken als eine Pellkartoffel und ohne damit zur Lachnummer des Monats zu werden, ist mir ebenfalls schleierhaft. Nein, ich habe garantiert keine Höhenangst, daher kommt diese Sorge nicht. Aber runtergucken und runterspringen sind ganz sicher zwei verschiedene Paar Schuhe. Man könnte auch sagen: Höhenangst nicht, aber Angst irgendwie doch. Zumindest gehörigen Respekt.
Trotzdem werfe ich gerade mein gesamtes Organisationstalent in die Waagschale, um Kinderbetreuung, Schichtplan des Ehemanns und der zum Mitkommen eingeplanten Freundin, Kameradienstplan, meine eigenen Arbeitszeiten, besondere Events in Holo und solche Kleinigkeiten wie Geburtstage und Hochzeiten in diesem Sommer unter einen Hut zu kriegen. Und das für ein paar Minuten Nervenkitzel, die durch solche himmlischen Banalitäten wie Regen jederzeit verschoben werden könnten. Klingt bekloppt?
Stimmt.
Allerdings ist mein Leben im Moment eh so bekloppt, dass mir zurückkloppen als eine durchaus vernünftige Option erscheint. Vielleicht kann ich dem alltäglichen Wahnsinn entgehen, indem ich etwas noch wahnsinnigeres mache. Feuer mit Feuer bekämpfen.
Ich glaube ja, dass Freefalltower nur deswegen so extrem wirken, weil die Passagiere nicht wissen, wann exakt die Gondel oben ausgehakt wird und daher der größte Teil des Nervenkitzels aus dem Schreck entsteht. Und bevor man den freien Fall dann genießen kann, ist es schon wieder vorbei. Da verspreche ich mir vom Skydiving deutlich mehr. Fühlt es sich nach lebensgefährlichem Fallen an? Oder eher nach Fliegen und grenzenloser Freiheit? Nach einem Erlebnis, das alles ins rechte Licht rückt, weil diese Perspektive auf die Welt und das Leben an sich vorher noch nie dagewesen ist? Oder sind meine Erwartungen jetzt zu hoch?
Dann helfen wohl doch nur noch illegale Drogen.
Das Zurückkloppen-Argument ist absolut überzeugend. Auch wenn ich nicht weiß, wie bekloppt mein Leben werden müsste, um so zu reagieren, aber das ist dann ja mein Problem.
Ich wünsche dir jedenfalls von Herzen, dass du dir deinen offensichtlich Herzenswunsch irgendwann/bald in für dich richtigem Rahmen erfüllen kannst.
Und falls es sich mit meinem (Arbeits-)Leben vereinbaren lässt, bin ich gerne dabei, die vorher-Angst und die hinterher-Begeisterung abzukriegen.
lg, Lena
PS: Gab’s diesen Eintrag tatsächlich schon seit 16. Juni? Dann bin ich blind.
Hi Lena.
Ja, den Eintrag gibt es schon seit Juni. Allerdings hatte ich den anderen über YUU sticky gemacht, in der Hoffnung, dass ein paar Springer das lesen würden. War scheinbar ein Irrtum, also hab ich vorgestern das “sticky” wieder abgeschaltet.
Grüßchen,
Nina