Kinderbuchparty überzeugt nicht
geschrieben von Nina | in der Kategorie "Allgemeines" Freitag 07. Nov 2008 um 11:15 UhrGestern, 19:30 Uhr im Alten Land. Kinderbuchparty. Uns werden in bester Tupperpartymanier die Bücher eines Verlages vorgestellt, die es im Handel nicht gibt sondern nur im Direktvertrieb. Die Idee an sich ist prima, denn hier können wir stressfrei angucken und anfassen und uns dabei mit einer Horde weiterer Eltern / Tanten / Schwestern beraten. Die Vorstellung beginnt mit einer Erklärung einiger Bücher. Alle verwendeten Farben sind ungiftig, wie mehrfach betont wird. Wenn irgendwelche kleinen Dinge wie z.B. Käfer eingeklebt sind, dann sind diese fest mit sehr großen Plättchen verbunden, sodass ein Kind die nicht verschlucken kann, selbst wenn es das Buch zerpflückt. Es gibt jede Menge Pop-up-Bücher, die alle sehr liebevoll und lustig gestaltet sind. Und der Verlag hat Bücher im Angebot, in die Spiele oder Puzzles integriert sind. Bis dahin eine gute Idee.
Warum bin ich jetzt aber trotzdem nicht überzeugt?
Der erste Grund ist die Qualität der Bücher. Von Kinderbüchern erwarte ich schlicht, dass sie fehlerfrei sind. Vor allem, weil der Verlag jede Menge Lernanreize bieten und zum Lesen motivieren will. Leider können “Harry Hase’s Bücherturm” und “Teddy’s Bücherturm” da nicht mithalten (den Grund gibt es nochmal hier). Und in dem vier-in-einem-Buch mit den Gegenüberstellungen heißt es an einer Stelle am Rand plötzlich nicht mehr “heiß” sondern “hess”.
Das Buch mit Kindergebeten ist auf den ersten Blick toll: schöne dicke Pappseiten und bunte Bilder sollen einen kindgerechten Anschein erwecken. Das Tischgebet über die Spaghetti finden wir alle klasse, aber der größte Teil der Gebete ist in einer absolut nicht kindgerechten Sprache verfasst. Für die Texte hätte ein kleines Buch mit Papierseiten dicke gereicht, denn eine solche sprachliche Leistung kann ich erst von Schulkindern erwarten.
Eines der Weihnachtsbücher hat einen geprägten Einband. Es sind zum Beispiel alle Augen der darauf abgebildeten Figuren eingeprägt, dann ist es auch mal eine Hose oder ein anderes Detail. Leider ist die Prägung auf dem Muster mindestens einen Millimeter nach links und nach unten verrutscht. Und ein Vorlesebuch mit einem großzügig beflockten Einband finde ich für Kinder auch eine dumme Idee. Einmal ansabbern und das Buch ist reif für die Tonne.
Es gibt ein Puppenhaus (mit Klo), eine Ritterburg (ohne Klo) und bald auch eine Feuerwache, die aus einem Buch aufgeklappt werden können. Aber dem Spieltrieb eines Kindes halten die Kartongebäude garantiert nicht stand, auch wenn sie angeblich schon mit beim Kinderarzt im Wartezimmer waren.
Dann sind da noch ein paar Produkte, die mein Interesse wecken. Stoffdominosteine zum Beispiel oder “Dr. Proctors Pupspulver”. Bezeichnenderweise sind diese Artikel beide in anderen Verlagen erschienen.
Der zweite Grund, warum ich diese Party nicht weiterempfehlen würde, ist die Dame, die die Bücher vorgestellt hat. Ihr eigener Sohn tut jetzt gerne lesen, seit sie für den Verlag arbeitet. Und er tut auch Dinge erklären, tut sich interessieren… Die dritte Person Singular ist aber nicht ihre einzige Sprachschwäche, sodass ich mich ernsthaft frage, wieso ausgerechnet diese Frau Lernbücher an den Mann bringen soll. Doch auch an Fachkompetenz mangelt es. Das Wimmelbuch heißt ihrer Meinung nach so, weil man die Doppelseiten noch nach außen aufklappen kann. Falsch. Es ist voller Wimmelbilder, auf denen die Kinder bestimmte Dinge suchen sollen.
Außerdem hätte sie gerne, dass wir uns einen haptischen Eindruck von den Büchern machen, und da ich am Rand sitze, bin ich immer die erste, vor der sie auf für meine Begriffe zu kurzem Abstand steht und von mir will, dass ich das Buch anfasse. Erst die Plastikkrabbelkäfer, dann den Flockeinband, danach die Glitzersterne… Beim dritten oder vierten Mal habe ich die Nase voll: “Ich möchte jetzt nicht jedes Buch anfassen. Ich sehe auch so, dass es glitzert!” Warum gibt sie es nicht einfach rum, statt jeden einzelnen zum Anfassen zu nötigen und womöglich ein blödes Gefühl zu hinterlassen, weil der das gar nicht wollte??? In den folgenden Runden, wo sie uns etwas vor die Nase halten will, startet sie dann auch andersrum und lässt mich außen vor.
Die Erklärrunde geht aber zum Glück relativ schnell vorbei und wir haben Zeit, uns mit den ausgestellten Büchern zu befassen und die Einkaufsliste auszufüllen. Daran scheint der Verlag auch böse zu sparen: es sind mehrere Preise mit kleinen Schnipseln überklebt, ein Artikel sitzt nicht vertikal zentriert in seiner Tabellenzelle und zu allem Überfluss muss auf der Rückseite angekreuzt werden, dass man nicht mit Werbung zugemüllt werden will.
Ich glaube, zur nächsten Party gehe ich erst, wenn Stupsi ein ganzes Stück größer ist und der Abend von einer anderen Beraterin gehalten wird.
PS: Für Spaghetti lang und schlank
sag ich meinem Schöpfer Dank.
Ebenso für die famose
leckere Tomatensoße!
Sehr “kalter”(cooler) Artikel und auch sehr treffend geschrieben.
Da setze ich doch glatt einen Zurückverweis(Trackback)!
Chris
Hallo Nina!
Finde Deinen Artikel sehr interessant! Supertoll geschrieben und auch toll, mal die andere Seite zu lesen. Ich selber bin seit August 2009 Beraterin bei dem Verlag! Und ich denke, Ihr habt auch ein wenig (vielleicht auch großes) Pech gehabt mit der Beraterin! Ich würde z. B. nicht jedes Buch rumgeben. Empfinde ich als völlig überflüssig. Wenn sich die Leute dafür interessieren, dann werden die es selber schon tun. Was nun mit den Bestellscheinen war….ohne Worte! Habe ich bisher selber so noch nicht gehabt. Aber ich kann auch ganz klar sagen, es gibt einige Bücher aus diesem Verlag, die ich überhaupt nicht mag! Und das sage ich auch. Ansonsten bin ich selber sehr überzeugt von den Büchern und meine Kinder habe auch schon vorher sehr gerne Bücher angeschaut! Vielleicht trifft man sich ja tatsächlich nochmal auf einer Buchparty und vielleicht schaffe ich es ja auch, Dir zu zeigen, dass es besser geht!
Liebe Grüße
Nicole